Wilhelm Schmid wurde 1953 geboren, ist Philosoph und schrieb mit „Glück“ 2007 seinen ersten großen Bestseller. Das ist die eher populäre Seite seiner Arbeit. Aber er versteht sich durchaus als Philosoph. Und genau unter diesem Aspekt konnte ich einige Verbindungen zum Eigensinn ziehen. Ganz grob gesagt: In beiden Ansätzen geht es um Sinn. Und darum, selbst Verantwortung zu übernehmen. Hier beziehe ich mich auf ein Standardwerk von ihm: Die Philosophie der Lebenskunst. Darauf habe ich auch in meinem Buch “Mein Kompass ist der Eigensinn” häufig Bezug genommen – und darum ist der Text, der gleich folgt, an vielen Stellen eine Art gekürztes Selbstzitat.

Was ist Lebenskunst?

Bereits im Vorwort zu seiner „Philosophie der Lebenskunst“ definiert Schmidt, die Lebenskunst sei für ihn eine Form angewandter Philosophie. Und sie bestärke „das einzelne Individuum in seiner Selbstaneignung und Selbstmächtigkeit, um einer Zumutung von Außen und einer Beherrschung durch Andere entgegentreten zu können. Ein Individuum, das in der Lage ist, mit sich und seinem Leben zurechtzukommen, wird es seinerseits wohl auch nicht nötig haben, aus der Erniedrigung Anderer das Gefühl eigener Stärke zu beziehen; sein Selbstverständnis endet nicht an den Grenzen des eigenen Selbst“.

Schmid benutzt das Wort Eigensinn selten. Aber schon im Vorwort zeigt sich eine Abgrenzung, die der ähnelt, die ich auch immer wieder vornehme: die zwischen Eigensinn und Egoismus. Bei ihm heißen die beiden Gegenspieler: „Selbstmächtigkeit“ und Egoismus.

Fast noch wichtiger finde ich seine Einordnung der „Lebenskunst“ in historische Zusammenhänge. So betont er mehr als einmal, dass die Lebenskunst, wie er sie definiert, viel mit bewusster Lebensführung zu tun habe. Und: „Das Bedürfnis nach einer bewussten Lebensführung rührt offenkundig von den Ungewissheiten der jeweiligen Zeit her, aufgrund welcher historischen Ereignisse auch immer. Einzelne Individuen fühlen sich nicht mehr aufgehoben in der Polis-Gemeinschaft, die ihren festen Zusammenhalt verliert.“ Und das zeigte sich Schmid zufolge bereits im Athen des 5. Jahrhunderts vor Christus. Und wiederholte sich im Lauf der Zeit mehrfach – bis heute. Auch das finde ich wichtig: Ungewissheiten sind meiner Ansicht nach ein überaus guter Grund, sich mit dem Eigensinn zu beschäftigen … Die Frage nach der Lebenskunst breche „vorzugsweise dort auf, wo Traditionen, Konventionen und Normen nicht mehr überzeugend sind und die Individuen sich um sich selbst zu sorgen beginnen“, schreibt Schmidt.

Und wie geht das mit der Lebenskunst, ganz konkret?

Ich versuche mal, das Buch – das es wirklich in sich hat – relativ grob zusammenzufassen:

  • Lebenskunst bemüht sich darum, einen Sinn des Lebens zu finden. Der ist niemals „absolut“, sondern immer eher subjektiv – und zwar in der Form, dass alle anderen subjektiven Äußerungen von Lebenssinn ebenfalls respektiert werden
  • Es geht um die Gestaltung des individuellen wie des globalen Lebens. Die Möglichkeit, ethisch wie moralisch zu handeln spielt dabei eine ebenso wichtige Rolle wie die Tatsache, dass ich stets versuchen sollte, die Deutungshoheit über mein Leben zu behalten
  • Wer sich nach den Maßstäben der Philosophie der Lebenskunst definiert, akzeptiert, dass das Leben aus lauter Widersprüchen besteht. Und lernt, mit ihnen zu leben. Auch mit Unvollkommenem, Nicht-Gelungenem, Gescheitertem. Zwanghaft positives Denken etwa hilft da genauso wenig wie alle anderen Formen der „Selbstverblendung“
  • Wichtig ist außerdem, mit allen Aspekten der Vielfalt und der Veränderlichkeit leben zu lernen: „In der Vielfalt der möglichen Bezüge und Wahrnehmungsweisen kann das Subjekt nicht dasselbe bleiben; es formt sich immer wieder neu in der Erfahrung des Anderen.“
  • Ziele der Lebenskunst sind unter anderem „Selbstmächtigkeit“ und eine kluge Lebensführung. Das wird am ehesten durch eine sinnvolle Gestaltung aller Lebensbereiche möglich. „Gleichgültigkeit gegen das eigene Leben“ sei ein fataler Standpunkt, sagt Schmidt.
  • Wichtiges Kriterium ist die Selbstsorge – immer mit Blick auf das Individuum. Das definiert Schmid als „das Einzelne, das für sich selbst und Andere lebt, der Vergänglichkeit mit Leib und Seele unterliegt, jedoch sein Leben frei und eigenständig führt, fähig zur Selbstgestaltung und zur Sorge um sich“
  • Gelassenheit spielt ebenfalls eine große Rolle: „Das in sich ruhende, ausgeglichene Selbst ist das eigentlich freie Subjekt, denn es ist am ehesten in der Lage, sich der Macht Anderer oder anonymer Verhältnisse nicht auszuliefern.“ Dazu gehören ein „langer Atem“ und das „Wartenkönnen“, bis etwas herangereift, bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Das ist ganz klar eine der Stationen von Kreativität.
  • Schmidt geht es außerdem um Bildung und Selbstbildung. Die möglichst autonome Gestaltung spielt auch dabei eine wichtige Rolle. Die bezeichnet er unter anderem als „erweitertes, aufgeklärtes Eigeninteresse“, die in eine „solchermaßen erweiterte Selbstbeziehung mündet.” Auch hier wieder: Es geht um ein im gestalterisches „Selbst- und Weltverhältnis, um das Leben nicht einfach nur dahingehen zu lassen, sondern sich Selbstmächtigkeit anzueignen und resistent gegen Versuche zur Enteignung des eigenen Lebens zu werden“
  • Mit der Ausbildung der Fantasie und der Einübung kreativer Tätigkeit werden die gestalterischen Fähigkeiten freigesetzt, die sich „nicht darin erschöpfen, vorgefundene Formen des Lebens nur zu übernehmen, sondern eigene Idee, was aus einem Material gemacht werden kann, zu entwickeln.

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Fazit Lebenskunst und Eigensinn

Erst einmal in Schmidts Worten: In der „Kunst und Lebenskunst“ geht es um das Leben selbst als Kunstwerk – in all seiner Vielfalt, mit seiner „Fülle des Materials“, einem „Konglomerat von Affekten, Erfahrungen, Beziehungen, Begegnungen mit Anderen, Träumen, Gedanken, Ängsten, Schmerzen, Wünschen, Lüsten, Zufällen, Zwänge.“ Für all das muss das richtige „Gestaltungspotenzial geschaffen werden, sei es durch eine Idee, durch Vorstellungskraft, durch Wissensarbeit oder durch eine praktische Befreiung von beengenden Verhältnissen, in jedem Fall durch einen schöpferischen Akt“.

Und in meinen Worten: Die „Philosophie der Lebenskunst“ von Wilhelm Schmid ist die große Schwester des Eigensinns, wie ich ihn verstehe. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen – für uns selbst, für unser Leben. Und den Sinn von beidem. Schmidts Betonung einer „Lebenskunst von Individuen, die sich selbst zu führen wissen“, bedeutet ja unterm Strich nichts anderes, als dass wir alle selbst aktiv werden können. Und sollten. Das Bücherschreiben ist ein wunderbarer Weg dorthin, jede andere Art von Kreativität aber auch.

Die Bücher

Wilhelm Schmid – Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung. Erschienen bei suhrkamp (daher stammt auch das Foto in diesem Beitrag), im Verlag bestellbar hier.
Maria Almana – Mein Kompass ist der Eigensinn. Grundlagen, Vorbilder & Nutzen. Ermutigung zum eigensinnigen Schreiben.  Im Shop der Autorenwelt hier.

In eigener Sache

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Die Trilogie des Eigensinns besteht bislang aus zwei Büchern – die sich ohne Probleme auch wunderbar getrennt voneinander lesen lassen. Macht durchaus Sinn, denn sie bilden zwar eine „Familie“, haben aber unterschiedliche Schwerpunkte. In „Mein Kompass ist der Eigensinn“ geht es darum, wie wir Eigensinn erkennen, ihn für uns entwickeln können. Aber auch darum, wo er seine Grundlagen hat, welche Vorbilder ich gefunden habe – und wie er uns helfen kann. Als Kompass zum Beispiel. Oder beim Schreiben von (eigenen) Büchern.
In „Wer schreibt, darf eigensinnig sein“ steht eigentlich schon alles Wichtige im Titel: Es geht um die praktische Realisierung des Schreibens mit Eigensinn, um Kreativität, aber auch um Selfpublishing. Da gibt es jede Menge Praxistipps, Übungen und Beispiele. Aber auch die Spiellust – meiner Ansicht nach ein wichtiges Schreib-Instrument – kommt nicht zu kurz. Zum Beispiel mit dem Selbsttest „Welcher Schreibtyp bin ich eigentlich?“ Der zieht sich – augenzwinkernd bis ernst – durch das ganze Buch.
Beide Bücher auf einen Blick – und auch zum Bestellen – im Shop der Autorenwelt hier. Aber natürlich auch überall sonst, wo es Bücher gibt


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